Grundlagen und Ursachen


Nach Ansicht früher psychoanalytischer Erklärungsmodelle handelt es sich bei der Borderline-Störung um eine Frühstörung. Das bedeutet, dass bei den Betroffenen Strukturen und Denkmuster bestehen geblieben sind, die typisch sind für die frühe Kindheit. In dieser Zeit stehen Hass- und Neidkonflikte im Vordergrund, es besteht noch keine differenzierte Wahrnehmung der eigenen oder fremder Personen, sondern eine starre Bewertung von Menschen als "ganz gut" oder "ganz böse".
In den letzten Jahren wurde zunehmend der Einfluss von Missbrauchserfahrungen bei der Entstehung von Borderline-Störungen untersucht. So zeigt sich, dass 81% aller Borderline-Patienten über schwere traumatische Erlebnisse, wie sexuellen oder körperlichen Missbrauch oder dem Miterleben von extremer häuslicher Gewalt, berichten.
Dabei ist in vielen Fällen der misshandelnde Täter eine wichtige Bezugsperson, so dass die Betroffenen mit dem Widerspruch konfrontiert werden, dass eine geliebte Person, die schützen sollte, identisch ist mit der Person, vor der man selbst Schutz bedarf. In diesem Widerspruch ist es für das Opfer nur schwer möglich, seine angemessenen Reaktionen von Wut und Ekel gegenüber der Bezugsperson wahrzunehmen und zu äußern. Möglicherweise kehren sich diese negativen Gefühle dann gegen die eigene Person, so dass der Missbrauch durch die eigene "Schlechtigkeit" gerechtfertigt werden kann. Missbrauchserfahrungen können auch die spätere Beziehungsgestaltung entscheidend prägen: Das gleichzeitige Erleben unvereinbarer Emotionen, wie z.B. die Zärtlichkeit des Täters verbunden mit der gleichzeitigen Angst vor ihm, dazu das Gefühl, bevorzugt zu werden, aber auch mit Scham verbunden, lässt die Betroffenen auch später im Umgang mit anderen zwischen extremen Polen hin und her schwanken.
In der Therapie von Personen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, wurde festgestellt, dass bei den meisten Betroffenen bei wiederholtem Sprechen über das Trauma ihre emotionalen Reaktionen schwächer werden. Bei Borderline-Patienten zeigt sich hingegen, dass ein wiederholtes Erinnern des Missbrauchs bei ihnen zu einer Zunahme der belastenden Gefühle führt, es scheint bei ihnen eine erhöhte neurobiologische Erregbarkeit vorzuliegen. Zudem scheint die wiederholte und oft willkürliche Traumatisierung bei den Betroffenen dazu zu führen, dass sie ein ausgeprägtes Gespür für mögliche Bedrohungen entwickeln. Als Konsequenz können auf scheinbar harmlose Reize extreme Reaktionen folgen. Dissoziative Symptome, die bei Betroffenen in Momenten subjektiv wahrgenommener Bedrohung auftreten, können analog des bei Tieren zu beobachtenden Totstellreflexes verstanden werden, wenn der Person keine Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, auf die Bedrohung zu reagieren. Damit ist ihnen aber die Chance genommen zu lernen, dass sie eine wahrgenommene Gefahr bewältigen können, indem sie selbst handeln um die Gefahr zu relativieren. Die dissoziativen Symptome, wie Veränderungen der Raum- und Zeitwahrnehmung, das Gefühl, neben sich zu stehen und nichts mehr spüren zu können, werden von Borderline-Patienten als sehr beängstigend erlebt und häufig durch selbstverletzendes Verhalten, so z.B. durch Schneiden, um sich wieder zu spüren, beendet.
Aber nicht bei allen Personen, die unter Borderline-Störungen leiden, liegen Missbrauchserfahrungen vor. Allen Betroffen scheint aber gemeinsam zu sein, dass sie in einem invalidierenden Umfeld aufgewachsen sind. Das heißt, sie haben nicht gelernt, adäquat mit schwierigen Situationen oder negativen Gefühlen umzugehen. Ein typisches erlerntes Verhaltensmuster könnte z.B. sein, als "gutes" Kind nie wütend sein zu dürfen.

20.9.09 10:54

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